Mikrobiom – heiliger Gral oder Mythos? Der Begriff „Mikrobiom“ ist in den vergangenen Jahren nahezu allgegenwärtig geworden. Kaum ein Gesundheitsthema wird so häufig in Studien, Medienberichten und sozialen Netzwerken aufgegriffen wie die Frage, welche Rolle unsere Darmbakterien für Wohlbefinden und Gesundheit spielen. Dabei entsteht nicht selten der Eindruck, das Mikrobiom sei eine Art Schlüssel zu allem – und zugleich ein sensibles System, das durch kleinste Eingriffe aus dem Gleichgewicht geraten könne. Zwischen fundierter Forschung, vorschnellen Schlussfolgerungen und teils widersprüchlichen Empfehlungen ist Orientierung schwierig geworden.
Auch im Zusammenhang mit Fasten und Darmreinigung wird diese Unsicherheit spürbar. Während Fasten in vielen Kulturen seit Jahrtausenden mit Formen der Darmentlastung verbunden ist und auch zum heute verbreiteten Fasten und Basenfasten traditionell ein bis drei Darmreinigungen gehören, wird zunehmend die Frage gestellt, ob solche Maßnahmen dem Mikrobiom schaden könnten. Besonders Einläufe mit Wasser stehen dabei im Fokus der Diskussion – weniger aufgrund konkreter Daten, sondern vor allem wegen theoretischer Annahmen.

Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein Blick auf die wissenschaftliche Einordnung durch jemanden, der sich seit Jahrzehnten mit Darmbakterien beschäftigt. Prof. Andreas Schwiertz forscht seit über 30 Jahren zur Zusammensetzung und Funktion des Mikrobioms. Im Rahmen der Jahrestagung unserer Basenfasten-Hotels hat er zu diesem Thema eine Weiterbildung gegeben. Die Gelegenheit, seine Einschätzung zu den aktuellen Debatten, zur Darmreinigung und zum Stellenwert des Mikrobioms zu hören, habe ich für dieses Gespräch genutzt.
Mikrobiom – heiliger Gral oder Mythos?

Herr Prof. Schwiertz, Sie beschäftigen sich seit über 30 Jahren mit Darm und Darmbakterien. Der Begriff „Mikrobiom“ geht seit einigen Jahren durch die Presse und es wirkt, als wüsste plötzlich jeder, was gut für unser Mikrobiom ist. Ist das nur ein Hype – oder ist das Mikrobiom tatsächlich so wichtig?
Es ist tatsächlich momentan ein Hype. Dieser Hype entsteht aber auch dadurch, dass wir beobachten, dass viele Erkrankungen mit einer veränderten bakteriellen Gemeinschaft, also einem veränderten Mikrobiom, verbunden sind. Was wir allerdings noch nicht vollständig verstehen, ist die Henne-Ei-Frage: Haben wir zuerst die Veränderung im Mikrobiom oder entsteht diese erst durch die Erkrankung? Zusammenfassend kann man sagen, dass sich die Mikrobiomforschung zunehmend von einer reinen „Bakterienzählliste“ entfernt und sich mehr der Funktionalität zuwendet: Also welche Metabolite (Stoffwechselprodukte) Bakterien produzieren – und welche davon wirklich wichtig für die Gesundheit sind oder fehlen. Das ist der Weg, auf dem wir uns aktuell befinden.

Schadet eine Darmreinigung, insbesondere ein Einlauf mit Wasser, meinem Mikrobiom?
Nein, tut es nicht. Durch einen Einlauf sorge ich lediglich dafür, dass die Feststoffe, die im Darm sind, herausgespült werden. Die Bakterien, die an diesen Feststoffen haften, sind davon zwar betroffen, aber die überwiegende Mehrheit der Darmbakterien sitzt ohnehin auf der Schleimhautoberfläche – und diese wird durch einen Einlauf nicht beeinträchtigt.
Übrigens geschieht bei jedem normalen Stuhlgang genau dasselbe: Auch dabei werden Bakterien mit ausgeschieden.

Gibt es eine richtige Ernährung für mein Mikrobiom – also ein „Mikrobiomfutter“?
Ja, das gibt es tatsächlich. Hier würde ich immer sagen: eine ballaststoffreiche Ernährung, vor allem Gemüse – das ist entscheidend. Das entspricht der klassischen Homo sapiens-Ernährung. Davon haben wir uns weit entfernt. Heute haben wir viel zu viel Zucker in der Ernährung, und der tut unserem Mikrobiom nichts Gutes.

Ist Basenfasten gut für das Mikrobiom?
Ja. Basenfasten erfüllt im Prinzip genau das, was ich vorher beschrieben habe: eine ballaststoffreiche, ausgewogene Ernährung. Darüber hinaus sollten wir über die Kalorienmenge sprechen, die wir in der westlichen Welt zu uns nehmen. Diese liegt weit über dem, was der Mensch in seiner Evolution je hatte.
Was kann ich selbst tun, um mein Mikrobiom zu stärken?
Das zentrale Element, mit dem wir unser Mikrobiom beeinflussen können, ist unsere Ernährung. Der zweite wichtige Faktor ist Bewegung. Der Mensch ist für 20.000–30.000 Schritte pro Tag gemacht – und die wenigsten schaffen davon auch nur einen Bruchteil. Bewegung sorgt dafür, dass der Darm in „Wallung“ kommt. Mit einer pflanzenbasierten, ballaststoffreichen Ernährung, wenig Zucker und möglichst wenigen Getränken mit Süßstoffen tue ich im Grunde das Beste, was ich für mein Mikrobiom tun kann.

Über Prof. Dr. Andreas Schwiertz
Prof. Dr. Andreas Schwiertz ist Mikrobiologe und Molekularbiologe. Er studierte an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg (GER), dem University College Cork (IRL) und der Staatlichen Universität St. Petersburg (RUS). Er promovierte an der Universität Potsdam bei Prof. Michael Blaut in gastrointestinaler Mikrobiologie und spezialisierte sich auf Probiotika.
Nach einem kurzen Aufenthalt an der Charité, Abteilung Nephrologie, wechselte er 2003 an das MVZ Institut für Mikroökologie in Herborn, wo er heute Geschäftsführer und CSO ist. Im Jahr 2012 habilitierte er sich an der Justus-Liebig-Universität Gießen für gastrointestinale Mikrobiologie, wo er seit 2017 als außerplanmäßiger Professor tätig ist.
Von 2008 bis 2013 war er Mitglied des Biohazard Panels des Bundesinstituts für Risikobewertung. Seit 2014 ist er Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Hochschule Furtwangen und seit 2023 der International Society of Microbiota. Er hat über 100 begutachtete Artikel und Publikationen veröffentlicht und besitzt einen i10-Index von 53. Er ist Autor, Herausgeber und Mitherausgeber mehrerer Bücher über die menschliche Mikrobiota und hat rund 30 Bachelor-, Master- und Promotionsarbeiten betreut.
Bild 1: AdobeStock_111354234.jpeg Bild2: AdobeStock_554921517.jpeg Bild 3: AdobeStock_73498421-1.jpeg Bild4: AdobeStock_329547131.jpeg Bild 5 und 6: Wacker GmbH

Schreibe einen Kommentar